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dolltime

24: Zehn neue Freizeitideen, Part 4

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Jan. 30th, 2011 | 05:59 pm
posted by: latin_doll in dolltime

Title: Zehn neue Freizeitideen für Sie und Ihre willenlose menschliche Marionette (Teil IV)

Words: 1613

Info: see part 1, part 2, part 3. Part 4 is the last part.


Zehn neue Freizeitideen für Sie und Ihre willenlose menschliche Marionette (Teil IV)

Von dem ganzen Lärm ist inzwischen nicht mehr viel übrig, nur ein beständiges Surren, Pfeifen, Piepsen. Emmeline hört ihm schon seit Tagen zu. Manchmal ist es dunkel und wattig und manchmal wird es hell und wattig, aber das ist egal, sie hat sich bisher noch nicht getraut, ihre Augen aufzumachen. Hinter ihren Lidern fühlt sie sich eigentlich ganz sicher, außer manchmal, wenn Leute die Tür aufmachen und mit erstaunlicher Distanzlosigkeit an sie herantreten, um ihr irgendetwas einzuflößen, umzuwickeln oder überzuziehen. Zu manchen Tageszeiten ist das hier wie ein Bahnhof! Vielleicht ist es ja einer.

Lily war auch schon zweimal da. Offenbar hat es sie also nicht erwischt. Wen sonst? Lily bleibt gewöhnlich eine Weile und bittet Emmeline mit wachsender Ungeduld um ihr Aufwachen. Heute ist sie wieder da, und ihr Tonfall ist noch anders als bei den vorigen Malen.

"Emmy, sag was," sagt sie, nachdem sie eine Weile still in der Nähe von Emmelines Liege verbracht hat. "Ich weiß, dass du wach bist, und deswegen musst du jetzt was sagen. Wir haben nicht mehr viel Zeit." Ihre Ungeduld ist beinahe hörbar.

Hey, denkt Emmeline, ich bin hier noch nicht fertig. Ich muss noch ein bisschen rumliegen und ein wenig nichts tun, bis Gras über die Sache gewachsen ist, so in circa hundert Jahren. "Ich will es nicht wissen," sagt sie.

"Niemand ist dabei gestorben, Emmy," sagt Lily, das hat sie schon öfter gesagt, aber Emmeline hat es ihr nicht geglaubt. Dann ist da eine vielsagende Pause. "Du bist wach," fügt Lily hinzu.

"Also das würde mich geringfügig überraschen," sagt Emmy durch die Watte. "Und wenn du niemand sagst, meinst du damit -"

"Es gab keine Toten," sagt Lily. "Nicht mal Verletzte, also abgesehen von dir jetzt."

"Echt jetzt," sagt Emmeline. "Das soll ich glauben? Klingt ja nach einem friedlichen Frühlingsspaziergang. So doof sind die doch nun auch wieder nicht."

"Naja," sagt Lily, "sie wissen jetzt, wie man ohne Zauberstab appariert. Das könnte man als den Schwachpunkt der ganzen Situation betrachten. Aber das war eh nur eine Frage der Zeit. Und wir mussten uns mal wieder ein Hauptquartier suchen. Aber das neue ist viel cooler! Du solltest es sehen."

Emmeline öffnet jetzt doch ihre Augen. Sie stellt fest, dass es eigentlich gar nicht so dämmerig ist, wie sie die ganze Zeit gedacht hat, nur die Vorhänge sind zugezogen. Draußen scheint die Sonne mit einer Brachialität, die sie ihr in dieser Jahreszeit gar nicht zugetraut hätte.

Sie dreht den Kopf und schaut rüber zu Lily.

"Scheiße," sagt sie. "Wenn du sagst 'verletzt', meinst du -"

"Naja," sagt Lily. "Dann meine ich, Peter hat dich mit einem Versteinerungszauber aufhalten wollen und dann hat er ihn versaut. War ein schönes Stück Arbeit, das wieder hinzukriegen."

"Was ist dann für ein Datum heute?" fragt Emmeline, langsam etwas misstrauisch. Einige Dinge stimmen hier nicht. Zum Beispiel, dass es definitiv nicht mehr März sein kann.

"Sechsundzwanzigster Juli," sagt Lily. Sie sieht aber auch verdächtig schwanger aus.

Emmeline macht sich für die größtmögliche Katastrophe bereit. "Aber schon noch neunzehnhundertachtzig, oder? Dein wievieltes Baby wird das?"

"Nee, das ist immer noch Harry," sagt Lily. "Keine Sorge."

"Keine Sorge am Arsch," sagt Emmeline. Sie schließt die Augen vorsichtshalber wieder, aber die Sorgen gehen nicht weg. "Kann ich mal eine Zigarette haben?"

Lily lacht hell auf. "Schon mal versucht, in St. Mungo's Zigaretten reinzuschmuggeln?"

Es wird wirklich schlimmer und schlimmer. "Vier Monate," sagt Emmeline, um das Schreckliche noch einmal zusammenzufassen. "Was da alles passieren kann! Ist irgendwas passiert? Sind alle noch da?"

Statt einer Antwort kommt für einen Moment nur Schweigen. Emmeline sitzt auf, Lily nimmt ihre Hand, und Emmeline denkt nur, wer, und taktloserweise grübelt sie, welche Namen sie an dieser Stelle verkraften kann, und welche nicht. Rein theoretisch brauchen sie ja jeden einzelnen, aber ganz persönlich betrachtet kann Emmeline im Moment auf Peter Pettigrew gut verzichten. Ein Versteinerungszauber ist jetzt nicht so schwer, den muss man nicht derartig versauen.

"Albus wollte eigentlich später noch mit dir reden," sagt Lily, in einem irgendwie leicht zerstreut wirkenden Tonfall. "Der kann sowas auch besser." Sie schweigt wieder, und auf einmal bemerkt sie, wie sich der Sommer im Raum ausgebreitet hat. Die Hitze ist drückend, und Lilys Hand klebt ein bisschen, vom Schweiß.

"Ich finde gar nicht, dass er das so gut kann," sagt Emmeline, einfach nur um die Stille zu füllen. Sie erinnert sich, wie sie einmal nach Amerika appariert ist, und wie absurd hell es dort war, wenn es schon lange hätte dunkel sein sollen. So fühlt sie sich jetzt. Lily trägt nur ein flatteriges Kleidchen, mitten im März. Das ist doch bizarr!

Lilys Hand drückt ihre. "Sie haben Marlene erwischt."

Emmeline atmet aus. Nur ein Wort, tonlos: nein. Mit wem analysiert sie jetzt die Zukunft? Sie muss darauf achten, dass die Rechenmaschine nicht abgebaut wird, denkt sie. Sie wird versuchen müssen, das ganze zu verstehen, vielleicht hat Marlene es ja doch noch geschafft, die Sache zu dokumentieren. Nein.

"Diese Schweine," haucht sie schließlich. "Diese verdammten Schweine!" Irgendwas muss man doch sagen. Überhaupt muss man sich an den Gedanken irgendwie gewöhnen, und das kostet doch Zeit, dabei hat sie schon so viel davon auf das absurdeste verschwendet.

"Die Beerdigung war im April," sagt Lily. Sie holt ein geblümtes Taschentuch umständlich aus der Tasche des besagten unangebrachten Kleidchens, putzt sich die Nase. Emmeline fand immer, dass wenige so abgebrüht sind wie Lily. Bloß wird das alles immer schlimmer, und irgendwann macht selbst Lily nicht mehr mit.

Darüber nachzudenken, dass sie hier vier Monate versteinert auf einem Bett gelegen hat, weil Pettigrew offenbar im entscheidenden Moment Finite Incantatem nicht eingefallen ist...! Trottel! Wenn sie ihn in die Finger kriegt, passiert was.

"Wenn du Travers findest, sag ihm schöne Grüße von mir und dann mach ihn fertig," sagt Lily verschnupft. Emmeline atmet tief durch. Sich stets daran erinnern, wer der Feind ist, und was Pettigrew vom Feind unterscheidet: wichtige Überlebensstrategie. Sicher hat er es gut gemeint, und immerhin war sie in diesem Moment auf der falschen Seite gewesen, wenn auch wider Willen.

"Ich will nicht übrig bleiben," sagt Emmeline. "Sie nehmen mir meine Freunde, einen nach dem anderen, und ich will nicht übrig bleiben! Was wenn wir übrig bleiben, Lily?"

Das ist aber ein schöner Ausbruch der Verzweiflung, sagt ein metakognitiver Gedanke in ihrem Kopf. Leider verhallt er erstmal, dann irgendjemand klopft an die Tür, und mit einer Geschwindigkeit, die Emmeline ihr in ihrem Zustand gar nicht zugetraut hätte, ist Lily aufgesprungen und zur Tür gelaufen. In einer anderen Welt sollte sie jetzt auf einer Parkbank sitzen und sich auf ihr Baby freuen. Sie wirkt so angespannt. Das Gespräch an der Tür ist kurz.

"Ich muss mich verabschieden," sagt Lily unvermittelt, nachdem sie zu Emmelines Bett zurückgekehrt ist. Sie setzt sich nicht noch einmal hin. "Was für ein unglaublich beschissener Zeitpunkt. Wir müssen sofort los. Tut mir Leid."

"Wo willst du hin?" fragt Emmeline. Sie fühlt sich etwas aus dem Konzept gebracht.

"Wir müssen uns verstecken," sagt Lily. "Ich kann dir nicht viel darüber sagen, aber wir ziehen aufs Land und machen die Tür hinter uns zu." Ein Lächeln, für das Emmeline sie in den Arm nehmen und/ oder streng zurechtweisen möchte. "Wir werden wohl auch übrig bleiben."

"Scheißgefühl, nicht wahr?" sagt Emmeline.

"Ich sag dir eins," sagt Lily. "Wenn Harry da ist, fang ich wieder an zu rauchen. Das ist ja alles nicht auszuhalten ohne Fluppe."

Emmeline sitzt ja schon, und Lily legt vorsichtig ihre Arme um sie. Der Bauch ist irgendwie im Weg, aber es ist trotzdem ganz tröstlich. Emmeline verzichtet auf die strenge Zurechtweisung.

"Willst du gar nicht fragen?" fragt Lily.

Emmeline atmet ein, der Geruch von Shampoo von Lilys wunderbarem Haar, nach Apfel und Seife. "Ich hab aber Angst davor," sagt sie ganz leise.

"Brauchst du nicht," sagt Lily.

"Okay." Eine Pause, und Emmeline zieht sich zurück aus der Umarmung. "Wo ist Polly?"

Lilys Hände ruhen auf ihren, und zum ersten Mal sieht Emmeline den Ring an ihrem Finger. Er ist nicht sehr pompös. Vielleicht wird das ja alles okay, mit den beiden, oder den dreien, denkt sie. Vielleicht werden sie ja Glück haben.

"Draußen," sagt Lily- "Sie durfte hier eigentlich nicht rein, so als Muggel, aber ich hab ihr einen Zauberstab in die Hand gedrückt und jetzt ist sie halt erstmal deine schwedische Schwippschwägerin. Ich schick sie gleich rein."

Emmeline denkt daran, dass sie Polly eigentlich immer noch verlassen muss, aber sie kann das jetzt gar nicht in Erwägung ziehen. Dann haben die noch mehr gewonnen als ohnehin schon.

"Mach's gut," sagt Emmeline. Sie muss noch so viel sagen, muss noch danke sagen, muss noch wissen, wo Lily hingeht, was mit Jim ist, wie sie sich in Zukunft verständigen können. "Sehen wir uns wieder?"

"Ich hoffe das," sagt Lily. "Wenn das alles vorbei ist." Ihre Stimme wird noch leiser. "Er ist hinter uns her," sagt sie. "Persönlich. Seit wann bitte bin ich so wichtig?"

"Er muss weg," sagt Emmeline.

"Ganz recht," sagt Lily. "Er muss weg." Sie schaut auf ihre Uhr, und Emmeline bemerkt, dass es eine mechanische Uhr ist, Muggelfabrikat. "Ich muss auch weg. Schlechte Überleitung, 'tschuldige." Noch einmal drückt sie Emmelines Hände.

"Ich wünsch euch was," sagt sie, schaut dann weg.

"Ja, ich euch auch," sagt Emmeline nach einer zu langen Pause. Lily lächelt unfroh, schon auf dem Weg zur Tür. Beide wissen aus Erfahrung, dass sie keine Freundinnen langer Abschiede sind. Bei der Anzahl an Abschieden wird man sonst gar nicht mehr fertig.

Die Tür schließt lautlos, und einen Moment hat Emmeline Zeit, den Kopf in den Händen zu vergraben und die Tränen zu unterdrücken. Es funktioniert nicht so recht. Dann klopft es wieder an der Tür.

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